Das Desaster am Hindukusch: Afghanistan, der Westen und die Taliban

Welche Entwicklung wird Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft nehmen? Haben sich die Taliban geändert; welche Fraktionen gibt es? Muss die Humanitäre Hilfe verstärkt und die Entwicklungszusammenarbeit wiederaufgenommen werden? Welchen Einfluss werden die Mächte der Region nehmen; welche Optionen verbleiben den gescheiterten Interventionsmächten? Kommt der Terror zurück? Warum scheiterte die 20jährige Intervention des Westens so umfassend; warum endete sie schlußendlich in einem Desaster mit globalen Auswirkungen? Diese Fragen diskutierten der afghanische Diplomat und ehemalige Gesandte in Berlin, Abed Nadjib, und Professor Michael Staack am 31. August 2021 im Rahmen einer gut besuchten Online-Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Die Veranstaltung wurde moderiert von Birgit Langhammer (NDR Info). Beide Diskutanten waren sich einig in der Forderung nach einer schnellen Steigerung der Humanitären Hilfe, im Eintreten für Frauen- und Menschenrechte und nach intensiv genutzten Gesprächskanälen mit den Taliban, um Einfluss nehmen zu können.

Michael Staack arbeitete, darüber hinaus, einige zentrale Gemeinsamkeiten der gescheiterten westlichen Interventionen von Indochina und Vietnam über den Irak bis nach Afghanistan heraus: (1) Eine wenig fundierte Sachkenntnis der Intervenierenden über Land, Region, Sprache(n) und (politische) Kultur; verbunden mit einer geringen Bereitschaft, sich diese mit Empathie anzueignen. (2) Eine Verbindung mit korrupten Eliten, die den Interventen nach dem Munde reden und dabei ihre eigenen Interessen verfolgten; mit Familien und Vermögen oft schon im Ausland. (3) Sich im Interventionsverlauf verstetigende und verstärkende Schönfärbereien und Schönrednereien statt objektiver Bestandsaufnahmen. (4) Auf dem Papier eindrucksvolle, in der Praxis als Folge von Korruption, schlechter Motivation und teilweise auch schlechter Ausbildung aber nur begrenzt zuverlässige und einsetzbare Sicherheitskräfte. (5) Ein falscher Vorrang für das Militärische bei Vernachlässigung von Entwicklung. Schließlich seien die Intervenierenden (6) nicht unparteiisch wie VN-Blauhelme, sondern Partner einer Bürgerkriegspartei, der sie vorübergehend zum Erfolg verholfen hätten.

Die Debatte soll fortgesetzt werden.