Aus Anlass des 75. Jahrestages des erstmaligen Einsatzes einer Atombombe am 6. August 1945 hat die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) dazu aufgerufen, der zunehmenden, ungeregelten und gefährlichen Nuklearrüstung durch konsequente Schritte der Rüstungskontrolle und Abrüstung entgegen zu treten. Ronald Reagan und Michail Gorbatschow hatten nach Auffassung der VDW Recht, als sie 1986 feststellten, dass ein Atomkrieg niemals geführt werden dürfe und nicht zu gewinnen sei. Es sei am heutigen Staatspersonal, insbesondere bei allen Atomwaffenbesitzern, diesen Satz zu bekräftigen und danach zu handeln. Davon aber sei die Weltpolitik weit entfernt. Die bisherige Rüstungskontrollarchitektur wurde – vor allem von den USA – bereits weitgehend aufgekündigt und das Streben nach nuklearer Überlegenheit sei wieder diskussionswürdig geworden. Sowohl bei Eliten als auch in Gesellschaften sei das Wissen über die katastrophalen Folgen eines Atomkrieges bis hin zur Auslöschung der Menschheit kaum noch präsent.
In der Tradition der „Göttinger Erklärung“ von 1957 (https://www.uni-goettingen.de/de/die+g%C3%B6ttinger+erkl%C3%A4rung+1957/54319.html) fordert die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler eine Rückkehr zur sicherheitspolitischen Rationalität; zu Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung – statt des Wettrüstens in der neuen „Großmächtekonkurrenz“. Zahlreiche Vorschläge dazu aus der Wissenschaft lägen vor, würden aber politisch ignoriert. Die VDW hält insbesondere einen strukturierten und langfristig angelegten Rüstungskontrolldialog zwischen den USA und Russland für unverzichtbar. Sie fordert eine Verlängerung des Anfang 2021 auslaufenden New START-Vertrages zwischen den beiden Mächten, die nach wie vor über 90 Prozent der weltweiten Atomwaffen verfügten. Vordringlich sei außerdem die Begrenzung qualitativer Neuentwicklungen wie der Hyperschallwaffen mit ihren besonders kurzen, sicherheitspolitisch destabilisierenden Vorwarnzeiten. Eine zielgerichtete Debatte über die Nuklearstrategie der NATO wäre ebenso erforderlich wie ein eigenständiger strategischer Dialog der Europäischen Union mit China und Russland, der auch Rüstungskontrolle inkludieren sollte. Außerdem erinnert die VDW an den 2010 gefassten Beschluss des Deutschen Bundestages, die noch in Deutschland lagernden Atomwaffen abzuziehen und fordert von der Bundesregierung eine Umsetzung dieses Beschlusses. Die Stellungnahme der VDW wurde von ihrer Studiengruppe Europäische Sicherheit und Frieden, der auch Professor Michael Staack angehört, erarbeitet.