Wissenschaftliches Kolloquium für Michael Staack: Friedensstrategien in der multipolaren Welt

„Abschreckung, insbesondere nukleare Abschreckung, kann für die Gewährleistung von Sicherheit vorübergehend notwendig sein, reicht für längerfristige Friedenssicherung aber nicht aus. Ohne eingeübte und in Krisensituationen vertrauensbildend wirkende Kommunikation zwischen den Kontrahenten kann Abschreckung sogar destabilisierend wirken. Perspektivisch erforderlich ist wieder eine Politik, die an den Ursachen von Konflikten arbeitet statt Konfrontationen zu verfestigen. Eine solche Politik wird von der Mehrheit der Staaten der Welt, insbesondere im Globalen Süden, erwartet und, mehr noch, verlangt.“

Mit diesen Worten leitete Michael Staack das ganztägige Wissenschaftliche Kolloquium „Friedensstrategien in der multipolaren Welt“ ein, das am 29. Mai 2024 anlässlich seines 65. Geburtstages (24. März 1959) und seiner am 30. Juni 2024 bevorstehenden Emeritierung stattfand.

Der Tagungsort war sehr bewusst gewählt: Das Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Berlin-Mitte und sein historischer Kirchensaal waren 1989/90 Schauplatz des „Runden Tisches“ in der sich demokratisierenden DDR und boten in den letzten Jahren auch den Raum für debattenintensive Veranstaltungen des von Professor Staack geleiteten Wissenschaftlichen Forums für Internationale Sicherheit; oft mit Afrika-Bezug.

Für lebhafte und inhaltliche tiefe wissenschaftliche Diskurse war auch bei diesem Kolloquium gesorgt. Gut 40 Weggefährtinnen und Freunde von Michael Staack diskutierten in drei Panels über ausgewählte Aspekte der Entwicklungen in „Westafrika“, „China, Korea und Ostasien“ und über die „Zukunft der Weltordnung“ – und damit über Themen, die seit langer Zeit im Fokus der wissenschaftlichen Arbeit des Geehrten stehen. Der Einfluss des Russland-Ukraine-Krieges und des Gaza-Krieges auf die internationale Ordnung flossen ebenso in die Debatten ein wie Fragen zur Positionierung der Friedens- und Konfliktforschung bzw. der akademischen Disziplin der Internationalen Beziehungen. Professor (emer.) Rainer Tetzlaff (Universität Hamburg), der Nestor der deutschen Afrika-Forschung, würdigte sodann in seiner Laudatio Michaels Staacks wissenschaftliches Lebenswerk und seine 43jährige Berufstätigkeit mit den Stationen Bonn, Berlin, Minsk, München und Hamburg. Diese habe sich durchweg durch Internationalität, thematische Breite, Praxisbezug und kritische Reflexion oft jenseits von „Mainstreams“ ausgezeichnet.

In seiner Erwiderung dankte Professor Staack seinem ehemaligen Lehrer, der ihm im Hamburger Studium seit 1977 den wissenschaftlichen Blick auf die „Dritte Welt“ geöffnet hatte und mit dem er nun seit Jahrzehnten befreundet ist. Eine solche Freundschaft sei ein wunderbares Geschenk. Michael Staack ging auf verschiedene frühe Erlebnisse und Einflüsse ein, die sein Interesse an internationaler Politik geweckt hätten. Mit seinen Lehrern habe er Glück gehabt. Ernst-Otto Czempiel, Wolf Graf von Baudissin, Helga Haftendorn, Volker Rittberger und eben Rainer Tetzlaff wären die wissenschaftlichen Persönlichkeiten, die ihn geprägt hätten. Baudissins Forderung nach Empathie in der Sicherheitspolitik sei heute ebenso aktuell wie Czempiels Friedensbegriff, der Frieden als einen Prozess hin zu „abnehmendem Gewaltelement und zunehmender Verteilungsgerechtigkeit in den internationalen Beziehungen“ definiere und damit internationale und gesellschaftliche Dimensionen gleichzeitig adressiere.

Die zu Beginn der Veranstaltung von Michael Staack formulierte Erwartung, dass jede/r die Veranstaltung mit einem neuen Argument oder einer neuen Idee verlassen solle, wurde aus der Sicht der Teilnehmenden eher übererfüllt – und viele Denkanstöße sind weiter zu verfolgen. Schon auf dem Weg von „wissenschaftlicher Berufsroutine“ zu „ungebundener wissenschaftlicher Neugier“ mit hoffentlich „vergrößerter Zeitsouveränität“, kündigte Professor Staack an, im neuen Rahmen selbstverständlich inhaltlich interessiert und wissenschaftlich aktiv bleiben zu wollen. Ein festliches Abendessen mit vorzüglicher italienischer Küche bildete den Ausklang des Kolloquiums. Ein Tagungsbericht wird folgen.